Liebe Autoren – Entschuldigung!

07.03.2018 | Bereich: Artikel
Geknickte Figur vor einem SORRY Schild

Bild: Tut mir leid © bei qimono | Lizenz: CC0

Ich war naiv … unbedarft … und unwissend. Zwar immer etwas skeptisch, bin ich letztlich doch eher vertrauensselig und leicht zu begeistern. Daher entpuppt sich mein Wissensdurst manchmal erst im Nachgang als verhängnisvoll.

Das aufkommende Internet kam damals einem schier unendlichen Forschungsgebiet gleich. Zählte ich in jenen Tagen bereits eher zu den Mid-Agern, verlor ich mich mit Begeisterung in den Weiten dieses neuen Mediums. Zu einem beständigem Anlaufpunkt etablierte sich schnell Amazon – Bücher sind unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens. Stöberte und kaufte ich weiterhin gerne in Buchhandlungen, wuchsen meine Online-Bestellungen.

Ich habe mir Amazons zukünftige Entwicklung in keinster Weise derart ausmalen können, wie sie dann eintraf. Wäre es wirklich seriös voraussagbar gewesen, was für ein Moloch ich da mit heranzog? Der ausbeuterische Neoliberalismus steckte noch in den Kinderschuhen und seine blutsaugenden Tentakeln nicht zu erkennen. Möglicherweise habe ich nicht gründlich genug hingesehen. Vom kritischen Blick heutiger Tage war ich weit entfernt – sehr weit.

Nur nützt sämtliches lamentieren nichts mehr, ich und viele andere haben ein Ungeheuer erschaffen. Ein Vielfraß, das sich skrupellos seinen zerstörerischen Weg bahnt. Dem einzig die Geldvermehrung heilig und nur sich selbst gerecht ist. Schamlos schreitet es auf den Rücken leichtgläubiger und Aufmerksamkeit suchender Autoren. Hemmungslos presst es ihnen jeden Tropfen lebensnotwendiger Essenz heraus und speist sie mit kleinen Happen ab, die selbst einen hohlen Zahn nicht füllen. Für sich selber zweigt es zwar auch nur Krümel ab, was aber bei der schier unglaublichen Masse zum Fett werden mehr als reicht. Überheblich und arrogant verweigert es jeden Respekt gegenüber dem Schaffen anderer, weil es nur nach dem zu erzielenden Gewinn giert. Die mühsam erarbeiteten Ergüsse der Autoren werden zu einem selbstverständlichen Objekt reduziert, das lediglich seiner Befriedigung dient.

Wirklich schmerzhaft ist die Scheinheiligkeit, mit der sich das Monster als gutherziger Samariter schmückt. Ekelhaft.

Hinter dem vermeintlich lächelnden Firmenlogo wird die eigentliche Botschaft nicht gesehen oder willentlich übersehen. Der Bogen verbindet a und z, womit angedeutet wird, es will sich von A bis Z alles einverleiben. Innerhalb einer Dekade katapultierte sich der Gründer zum reichsten Mann auf Erden und greift inzwischen nach den Sternen. Abartig.

Über seine Assistenten gewähren die Süchtigen dem Moloch Einblick bis in ihre Intimsphäre und öffnen ihm in Abwesenheit sogar ihre Wohnung. Grotesk. Krank. Das gehört zum Wandel der Zeit? Eigenes Denken abzuschalten und Entscheidungen Profit getriebenen Unternehmen zu überlassen? Vermeintlichen Stress als Ausrede für Faulheit anführen, die diesen überhaupt erst verantwortet? Nein! Wer meint, seinen Kopf noch bewusst selber zu nutzen, sollte jetzt handeln, bevor der eigene Willen vollständig okkupiert wurde.

Der einzige Ausweg diesen Irrsinn zu stoppen, ist die sofortige Einstellung sämtlicher Unterstützung. Mir gingen rechtzeitig genug die Augen auf, um nicht die Achtung vor mir selbst zu verlieren. Doch während ich die Gefahr erkannte und mich der Droge entsagen konnte, klebt die Masse an Amazons betörenden Schleimspur, die die Gehirnfunktion zum Stillstand bringt. Wie jeder Süchtige finden sie einen Grund ihre Abhängigkeit zu rechtfertigen. Jedes Argument ergänzt ein “aber … ”, hinter dem sich Bequemlichkeit versteckt und durchsetzt. Letztlich ist Untätigkeit nur ein Beweis, wie willenlos und einfältig die Mehrheit ist.

Autoren sollten ihre Teilnahme an diesem für sie desaströsen und niemals zu gewinnenden Spiel verweigern. Klar ginge das, rauft man sich ausnahmsweise mal zusammen und demonstriert geschlossen Entschlossenheit. Leider können Autoren diese Widerstandskraft zwar zu Papier bringen, im echten Leben hapert es dann deutlich.

Bei aller Niedergeschlagenheit und Aussichtslosigkeit will ich die Intention dieser Zeilen nicht vergessen. Schuldbewusst und reumütig krieche ich zu Kreuze:

Liebe Autoren und Autorinnen, ich bitte um Entschuldigung für meine Verblendung, unter der ihr jetzt zu Leiden habt.


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