krea·k·tiv

Bunter Ideen Block

Aus der Zeit gefallen

Lesezeit: ∼ 14 Min.
Wörter: 2.168
Zeichen: 14.914
Norm-Seiten: 8
Publiziert: 17.07.2019
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Tödlich gelangweilt brütete Tim über Mathe Hausaufgaben. Zu allem Überfluss steckte er fest und kam nicht wie gehofft voran. Draußen lachte die Sonne vom wolkenlosen Himmel durch sein Fenster und entführte seine Gedanken zu vielem, was er jetzt lieber täte, als blöde Gleichungen zu lösen.

Plötzlich knisterte es hinter ihm im Zimmer. Dankbar für jede Ablenkung, schwang er auf seinem Drehstuhl herum und erstarrte wie vom Blitz getroffen. Was gar nicht soweit hergeholt war. In der Mitte seines Zimmers, direkt über dem Fußboden, führten zuckende Endladungsblitze einen wilden Tanz auf. Gefesselt beobachtete er das magische Schauspiel. Bis ein greller Lichtball seine Augen reflexartig schloss und eine Hand schützend davor schnellte. Neugier drängte die Lider umgehend sich wieder vorsichtig zu öffnen. Niemand hätte ihn jemals darauf vorbereiten können, wie er mit dem umgehen sollte, was er nun erblickte. Seine Gefühlswelt explodierte. Ein Teil wollte schreiend aus dem Zimmer laufen, während sich im Rest ein nie dagewesener Lachanfall seinen Weg bahnte.

Aus dem Boden ragte der obere Teil einer menschenähnlichen Person. Wahrscheinlich mit dem Rücken zu Tim gewandt, weil er nichts ausmachen konnte, das einem Gesicht ähnelte. Seine heftigen Bewegungen waren dagegen eindeutig: da steckte jemand fest. Im Kopfkino sah Tim die zappelnden Beine an der Esszimmerdecke. Allerdings war dieses geistige Bild Gift für seine Beherrschung. Erschreckt von einem weiteren Lichtblitz blieb der Lacher im Hals stecken. Mit offenem Mund starrte Tim auf den scheinbar unberührten Boden. Nichts deutete auf das gerade Geschehene hin. Falls er in den letzten Minuten Angst empfunden haben sollte, hatte die sich ebenso in Luft aufgelöst, wie die merkwürdige Erscheinung. Vorsichtshalber kniff er sich in den Arm, um sich zu vergewissern, nicht zu träumen.

Schmunzelnd drehte sich Tim langsam wieder seinen Aufgaben entgegen. Ein Knistern an der Zimmerdecke stoppte augenblicklich jede Bewegung. Zu seiner Freude kündigte sich eine Fortsetzung an. Schnell schützte er seine Augen und wartete die grelle Sekunde ab. Die anschließend gebotene Szenerie übertraf die erste um Längen. Aus der Zimmerdecke ragte die vordere Gesichtshälfte, seitlich davon Hände und völlig wahllos zwei halbe Füße. Als hätte jemand die Person ungeschickt in Beton gegossen oder wollte sie absichtlich als komisches Kunstwerk drapieren. Ohne Körper schienen wackelnde Finger und Fußspitzen direkt an Tims Lachmuskeln zu kitzeln.

»Verdammt!«

Erstaunt registrierte Tim ein verständliches Fluchen vernommen zu haben. Vielleicht klang es aber auch nur ähnlich. Angst hatte er zumindest keine. Vielmehr glaubte er mitten in die Produktion eines lustigen Films versetzt worden zu sein. Amüsiert betrachtete Tim die Verrenkungen, die das Subjekt mit den Fingern anstellte. Ihm kam keine Idee, wozu das taugen sollte, schließlich waren die Probleme offensichtlich. Bis ein Versuch glückte. Ein Fingerschnippen und wie ein Sack Kartoffeln plumpste die Figur bäuchlings auf den Boden, alle Viere von sich gestreckt.

»Autsch«, kommentierte der Gefallene trocken sein Missgeschick.

Tim presste sich eine Hand auf den Mund, um nicht lauthals loszulachen. Unterdessen rappelte sich die ungeschickte Kreatur schwerfällig auf und schüttelte sich. Zum ersten Mal sah Tim das Wesen im Ganzen. Es war dünn, schmächtig und klein; etwas über einen Meter schätzte er. Darüber hinaus hatte es keine Haare oder erkennbare Ohren, dafür große, ovale Augen in einem länglichen Kopf. Lange, wurmartige Finger, zudem stelzenartige Beine und bläulich schimmernde Haut vervollständigten das Gesamtbild. Obwohl keine menschlichen Unterscheidungsmerkmale sichtbar waren, vermutete Tim, dass es nackt war. Dann entdeckte es Tim und starrte ihn an.

»Du kannst mich nicht sehen, oder?«

»Nein«, druckste Tim hinter vorgehaltener Hand.

»Gut. Und hören auch nicht, oder?«

»Nein«, log Tim erneut.

Sein Gegenüber legte den Kopf schief. »Du willst mich veräppeln, oder?«

Tim spürte, wie sich jede Faser seines Körpers spannte und er jeden Augenblick die Beherrschung verlieren könnte. Um sich zu retten, sprach er die Figur an. Angesichts der Umstände war es kaum verwunderlich, dass seine Ernsthaftigkeit reichlich verkrampft klang. »Wenn du möchtest, leihe ich dir ein T-Shirt?«

Das Geschöpf schaute an sich herunter. Schlagartig färbte sich sein Kopf giftgrün und es drehte sich blitzschnell um. Hektisch tippte es auf einem Gerät am Handgelenk, das wie ein umgeschnalltes Smartphone aussah. Einen Atemzug später steckte es in einem enganliegenden Overall. Obenherum orange und untenherum dunkelblau hätte es einem Superhelden Comic entsprungen sein können. Tim war erleichtert, dass kein Umhang um seinen dünnen Hals hing. Dafür sah die futuristische Steppjacke ziemlich cool aus. Nachdem der peinliche Moment überwunden schien, nahm Tims Besucher eine militärische Haltung an. Die aufgesetzte Bedeutsamkeit, mit einem Räuspern gekrönt, heizte jedoch nur Tims Heiterkeit an. Bemüht um äußere Sachlichkeit lauschte er den Worten.

»Mein Name ist Odbo 9-2-5 und bin der intergalaktische Nachrichtenbote vom Planeten Rygniuss …«

»Gesundheit«, unterbrach ihn Tim schmunzelnd.

»Danke …« Aus dem Konzept gebracht, stockte Odbo 9-2-5 und guckte leicht dämlich aus der Wäsche. In Zeitlupe, als müsse er seine aufgescheuchten Gedanken mühsam einfangen, wechselte sein Gesicht wieder in den ernsten Modus. Mit erhobenem Zeigefinger mahnte er, nicht wieder gestört werden zu wollen. »Wie gesagt, vom Planeten Rygniuss, geschickt von unserem weisen Oberhaupt Kruxx der Siebendrittelste«, Tim kniff seine Lippen zusammen bis es weh tat, um nicht loszuprusten, »mit einer wichtigen Botschaft für das Oberhaupt dieses Planeten …«, Odbos Blick schweifte auf das Display am Handgelenk, »… Ro-na-ld Re-a-gan, die keinen Aufschub duldet und unverzüglich überbracht werden muss.« Ein erleichterter Seufzer schien das Ende der offiziellen Mitteilung zu bedeuten. »Endlich.« Sichtlich gelöst und mit sich zufrieden, sah er erwartungsvoll Tim an.

Trotz seiner Belustigung versuchte Tim würdevoll zu klingen, befürchtete aber kläglich zu scheitern. »Offenbart mir der intergalaktische Nachrichtenbote den Inhalt dieser überaus dringlichen Botschaft?«

Skeptisch betrachtet ihn Odbo 9-2-5. »Spreche ich mit genannter Person oder verfügst du über Befugnisse diese empfangen zu dürfen?«

Tim gruselte schon der Gedanke, eine solche Position zu bekleiden, war jetzt aber viel zu neugierig, um sich den Inhalt entgehen zu lassen. Inzwischen hatte er jegliche Scheu abgelegt. Ebenso reichte es nicht mehr zu einer hohen Meinung, wofür allerdings der außergewöhnlichen Eindringling selbst gesorgt hatte. In Tim keimte der Verdacht, die Zahlen an Odbos Namen könnten eventuell kein Zufall sein. Im Englischen steht 'Nine-to-Five' nicht für eine Schmeichelei, sondern bezeichnet eher abschätzig Erbsenzähler oder Kleinkarierte. Daher war er zuversichtlich, ihm sein Geheimnis entlocken zu können. Mit autoritärer Stimme und bedeutungsvollen Worten drängte er Odbo 9-2-5 in die Defensive. »Zur Beurteilung der Dringlichkeit ist eine vorige Kenntnisnahme und Prüfung unumgänglich, schließlich soll eine bedeutende Persönlichkeit gestört werden. Außerdem signalisiert es eine Bedrohung schrecklichen Ausmaßes, deren Gewichtung ebenfalls eine detaillierte Untersuchung erfordert.«

Tims Einwand verfehlte nicht seine Absicht. Odbo 9-2-5 wirkte sichtlich verunsichert. Die Arbeit seiner Gehirnwindungen ließ die Luft geradezu vibrieren.

»Deine Worte klingen vernünftig und sehr überzeugend.«

Im Verlauf seiner Überlegungen wechselte dann sein Gesichtsausdruck von diensteifrig und wichtig, zu betrübt und mitleidig. »Also gut, doch ich hoffe, dass du dich ihrer würdig und standhaft erweist.«

Tim nickte selbstsicher und Odbo 9-2-5 erfüllte seinen Wunsch. »Nach hiesiger Zeitrechnung wird dieser Planet in 19,4 Jahren unausweichlich von seinem endgültigen Schicksal heimgesucht und zerstört.« Mit der straffen Haltung eines Soldaten unterstrich er Bedeutung und Ende der Botschaft.

Schweigend beobachteten sie sich. Odbo 9-2-5 wartete neugierig auf eine Reaktion, doch nun war es Tims Kopf, in dem es heftig ratterte. Eine Ungereimtheit pochte auf Beachtung. Beim Umdrehen, um am Notebook Wikipedia aufzurufen, sprach er zum Überbringer. »Ich muss dich darüber aufklären, dass deine Zielperson nicht das Oberhaupt dieses Planeten ist, sondern lediglich der Präsident eines der vielen existierenden Länder. Selbiges betrachtet sich zwar gerne als Führungsnation, was aber eher an deren Selbstverliebtheit liegt und nicht der Wirklichkeit entspricht.« Tim schaute über die Schulter und konnte sich ein Schmunzeln über die begriffsstutzige Mimik seines Besuchers nicht verkneifen. Unbeirrt fuhr er fort. »Allerdings bringt ein Detail deine überaus beängstigende Prognose ins Wanken. Nicht, dass es sich am Ende für dich zu einer Katastrophe entwickelt?«

Überrascht musterte Odbo 9-2-5 Tim. »Für mich? Wie könnte euer Untergang mich betreffen und warum gehst du mit dieser Nachricht so gelassen um? Nimmst du mich nicht ernst?«, entrüstete er sich.

Nachdem Tim seinen Verdacht bestätigt sah, wandte er sich wieder dem Boten zu. Genüsslich imitierte er Odbos Wichtigtuerei, um seinen Joker auszuspielen. Er setzte sich gerade hin, legte die Arme akkurat auf die Lehnen und fixierte Odbo 9-2-5 mit eindringlichem Blick. Zackig knallte er ihm seinen Trumpf vor den Latz: »Du kommst zu spät.«

Odbo 9-2-5 entglitten die Gesichtszüge. »Oh …«

Schnell drehte Tim sich zur Seite, um sein siegreiches Lächeln zu verbergen.

Konsterniert tippte der intergalaktische Nachrichtenbote auf seinem Gerät herum. »Wie konnte das passieren?« Stockte dann und musterte Tim grimmig. »Du veräppelst mich?«, fragte er vorwurfsvoll. Oder schwang da eine Prise Hoffnung und Verzweiflung mit?

Tim spielte den Empörten. »Nein, großes Pfadfinder Ehrenwort.« Theatralisch legte er seine rechte Hand aufs Herz und hob die linke zum Schwur. Im Stillen fragte er sich allerdings, ob sein außerirdischer Besucher mit dieser Geste überhaupt etwas anfangen konnte. Dessen hilfloser Gesichtsausdruck brachte Tims Beherrschung jedenfalls in arge Bedrängnis. Inzwischen vermutete er, seine eigenen Grimassen dürften ähnlich komisch aussehen. Ein letztes Mal konzentrierte er sich, um den irritierten Botschafter vollends aus der Bahn zu werfen. »Dein gewünschter Gesprächspartner, er spricht sich übrigens Ronald Reagan, besetzt die von dir angenommene Position …«, zur Steigerung der Dramatik pausierte er kurz und hob den Zeigefinger, »… seit über 30 Jahren nicht mehr und ist zudem vor 15 Jahren gestorben!«

Jetzt brachen alle angestauten Emotionen hervor und Tim rutschte mit einem heftigen Lachanfall vom Stuhl. Durch den Schleier seiner Lach-Tränen nahm er schemenhaft wahr, wie Odbo 9-2-5 in sich zusammensackte und auf dem Boden kauernd leise vor sich hin jammerte. Als Tim sich langsam beruhigte, kroch er zu dem Häufchen Elend und setzte sich neben ihn. Aufmunternd klopfte er ihm auf den Rücken. »Freue dich doch für uns, dass wir am Leben sind, anstatt in Trauer zu zerfließen.«

Schluchzend malträtierte der Angesprochene sein digitales Handgelenk-Dings. »Ich verstehe das nicht. Was konnte da schieflaufen und warum erwischt es immer mich?«

»Nun ärgere dich nicht«, versuchte Tim ihn zu trösten. »Ich bin ganz froh, dass deine düstere Prognose nicht eingetroffen ist. Obwohl es auch egal wäre, denn dann würde ich hier jetzt nicht sitzen – was rede ich, dann wäre ja nichts mehr hier. Also so richtig komplett überhaupt nichts mehr, oder?«

Odbo 9-2-5 nickte zustimmend. »Ja, so wurde ich zumindest instruiert, falls ich nichts durcheinander gebracht habe. Vielleicht vergaß man mich über Planänderungen zu informieren. Vielleicht schickt man mich auch nur aus Bosheit durch die Galaxie, damit ich zu Hause keinen Unsinn anrichte – mir werde da gewisse Talente nachgesagt. Nun bin ich völlig verwirrt und weiß nicht mehr weiter.«

»Pläne?«, hakte Tim hellhörig nach. Nur weil er ehrlich erleichtert über den ausgebliebenen Weltuntergang war, entging die beiläufige Erwähnung nicht seiner Aufmerksamkeit. Bereits jetzt ging es ihm gehörig gegen den Strich, als einziger Mensch von dieser vermeintlichen Apokalypse zu wissen. Deshalb durfte diese unbedarfte Anmerkung nicht ohne Erklärung bleiben.

Odbo 9-2-5 wogte mit dem Oberkörper vor und zurück, schüttelte immer wieder den Kopf und sah schließlich Tim verunsichert an. »Bevor ich irgendwelche Schäden anrichte …«, beendete den Satz aber nicht. Stattdessen zwang ein grelles Licht Tim zum Schließen seiner Augen. Er ahnte, was er gleich zu Gesicht bekommen würde oder viel mehr, was nicht. Und richtig, wie vermutet war Odbo 9-2-5 verschwunden.

Verärgert brüllte Tim die Zimmerdecke an. »Bevor du irgendwelche Schäden anrichtest? Glaubst du, dein Auftritt hat keine Folgen? Sei bloß froh, dass du nur mir begegnet und nicht den verrückten Amis in die Hände gefallen bist. Bis zur letzten Körperzelle hätten die dich ausgeweidet. Darauf kannst du Gift nehmen!« Tim setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, war aber mit seinem Ausbruch nicht fertig. »Wenn ich nicht den Rest meines Lebens in einer Irrenanstalt verbringen will, darf ich kein Wort über diese Begegnung verlieren. Glaubst du wirklich, dass mir irgendwer diese Geschichte abkauft oder man mir noch einen Funken Verstand zuspricht, wenn ich sie erzähle? Ganz alleine muss ich damit fertig werden und es irgendwie schaffen darüber nicht Wahnsinnig zu werden. Vielen Dank Odbo 9-2-5!« Tim hatte sich in Rage geredet. »Wer braucht denn noch Mathe?« Mit einem energischen Handstreich fegte er die Hefte vom Tisch und nutzte den Schwung für weitere Stuhldrehungen. Abrupt stoppte er. Irgendetwas glänzte unter der Heizung. Auf Händen und Füßen kramte Tim den Gegenstand hervor. Neugierig drehte er das Ding zwischen seinen Fingern. Er hatte keinen Schimmer was es darstellen könnte. Allerdings meldete sich ein mulmiges Gefühl, ob anfassen überhaupt eine gute Idee war. Vorsichtig platzierte er das Objekt in eine leere Schachtel auf dem Schreibtisch. Überzeugt etwas derartiges nicht zu besitzen und auch noch nirgends irgendwo gesehen zu haben, rief er Richtung Fensterscheibe. »Odbo, du hast etwas verloren!« und zeigte demonstrativ mit beiden Zeigefingern darauf. Zu sich selbst ergänzte er zweifelnd, »ich bin gespannt, ob der Trottel den Verlust bemerkt und wie wichtig das Teil ist.« Andächtig verschloss er die Schachtel mit ihrem Deckel und verstaute sie in einer Schreibtischschublade. Danach sammelte er die verstreuten Utensilien vom Boden auf und starrte anschließend Löcher in die langweiligen Zahlenreihen. Leise grummelte er vor sich hin, »dann wollen wir mal so tun, als sei nichts weltbewegendes passiert.«

(Fortsetzung folgt … vielleicht … also sollte jemand bestimmtes jemals etwas vermissen)

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