Zauberwald

04.01.2019 | Bereich: Kurzgeschichten
Herbstwald

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Es geschah zu einer Zeit … wie, welche Zeit? … na die übliche in der solche Geschichten spielen … was für Geschichten? … will ich doch gerade eine erzählen … ob sie spannend ist? … natürlich; darf ich jetzt? … danke … also von vorne …

Es gab Zeiten, da zogen stolze Ritter mit ihren Knappen durch das Land und beschützten die Menschen. Doch Kriege und böse Feinde existierten nur noch in Geschichten, die Kindern am Lagerfeuer erzählt wurden. Glorreichen Rittern boten diese friedlichen Zeiten keine Herausforderungen für weitere Heldentaten mehr. Hier und da mal aufdringliche Verehrer, Hühnerdiebe oder ein Wolf, der den Schafen zu Nahe kam. Ruhm und Reichtum war damit nicht zu ernten. So genossen sie den Müßiggang, setzten reichlich Speck an und sonnten sich im Glanz vergangener Tage, denn ihre Verehrung hielt an.

Aber was war hier los?

Als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her, ritten zwei Gestalten durch den Wald. Blanke Furcht zeichnete ihre Gesichter. Immer wieder blickten sie sich nach Verfolgern um. Es waren der ehrenwerte Ritter Heidenuk und sein treuer Knappe Sempuk, die sich an diesen Ort wagten. Beide wussten, dass sie sich in einem Gebiet befanden, um das jeder mit klarem Verstand einen großen Bogen schlug. Heftig trieben sie ihre Rösser an, deren Fell vor Feuchtigkeit triefte.

Zum wiederholten Male raunte Sempuk ängstlich, »wir dürfen hier nicht sein!«

Strafend blickte Heidenuk ihn an. »Dein ewiges Granteln ändert nichts an unserer Lage. Mehr Tempo stünde uns zu Gute!« Bissig fügte er an, »außer mein Knappe verbirgt Zauberkräfte vor mir, dann möge er sich jetzt offenbaren.«

Sempuk begriff die Anspielung nicht und schaute leicht dümmlich aus der Wäsche. Er sorgte sich. »Herr, unsere Gäuler laufen am Limit und mir bangt deren baldiger Zusammenbruch! Dann wären wir zu Fuß diesem verfluchten Wald ausgeliefert.«

»Ich teile deine Eindruck, Sempuk, dass sich die Tiere den Grenzen ihrer Kraft nähern. Gleichfalls unterstütze ich deine Ansicht über diesen Wald. Mich beschäftigt jedoch vielmehr, warum unsere wilde Hast nichts am Stand der Bäume ändert! Als ritten wir auf der Stelle!«

Irritiert sah Sempuk zu seinem Herrn, um dann die Umgebung in Augenschein zu nehmen. »Ihr habt Recht, mein Herr!«

Dieser donnerte seinem Gehilfen entgegen, »Natürlich habe ich Recht; ich habe immer Recht, deswegen bin ich der Ritter!«

Aus dem Nichts tauchte ein zierlicher Waldmensch auf und stellte sich ihnen mit ausgestreckter Hand entgegen.

Bis ins Mark erschrocken, rissen sie die Zügel zurück. Wirkungslos. Ihre Pferde hielten nicht an. Ratlos schauten sich die beiden Männer an.

»Der Wald ist verhext!«, rief Sempuk.

Selbst Heidenuk war verunsichert, versuchte dies aber zu überspielen. »Blödsinn! Aber das wir ihn nicht längst nieder gerannt haben und er keinerlei Angst zeigt, entlockt mir ehrliche Verwunderung.«

In der Tat stand der Waldmensch unerschrocken vor ihnen und schien von den galoppierenden Pferden unbeeindruckt. Heftig zogen die beiden Reiter an den Zügeln, um ihre Gäuler endlich zum Halten zu bewegen. Doch immer noch waren ihre Bemühungen umsonst.

»Stopp! Schnitt! Alles anhalten!«, gellte eine wütende Stimme von Links aus dem Nichts. Verblüfft, aber auch erleichtert, bemerkten die beiden Reitersleute, wie ihr Pferde langsamer wurden und zum Stehen kamen.

»Aaahhh!«, schrien sie zugleich und hoben ihren linken Arm schützend vors Gesicht.

Ängstlich wimmerte Sempuk. »Der Wald wird beiseite geschoben.«

Auch Heidenuk war beeindruckt. »Wahrhaftig geschehen hier merkwürdige Dinge.«

Eine Traube Menschen tauchte auf. Stampfend angeführt von einem Mann, dessen Gesichtsfarbe unnatürlich rot schimmerte. Heidenuk und Sempuk zogen gleichzeitig ihre Schwerter, bereit, sich den Gegnern zu stellen.

Erbost schallte es ihnen entgegen. »Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Habt ihr einen über den Durst getrunken oder was ist in euch gefahren, dass ihr hier so einen Blödsinn verzapft?« Der Anführer der Gruppe baute sich vor ihnen auf und stemmte die Arme in die Seite. Fordernd schaute er von einem zum anderen. Als keine Antwort kam, fauchte er sie an. »Steigt endlich ab, damit ich zu euch Torfnasen nicht auch noch hoch gucken muss!«

Zögerlich wandte sich Sempuk an seinen Herrn. »Wer ist dieser Mann, dass er uns Befehle erteilt, mein Ritter?«

»Jetzt reicht mir euer Theater! Sofort absteigen!«, brauste der Mann auf.

Der Tonfall zeigte Wirkung. Von Zweifeln geplagt, stiegen die beiden von ihren Pferden ab. Mit erhobenen Schwertern stellten sie sich vor diese und wappneten sich für einen Angriff.

Fassungslos schüttelte der unbekannte Mann sein Haupt. »Was soll denn das nun wieder? Sehe ich aus, als wolle ich gegen euch kämpfen?«

Heidenuk besann sich seines Rangs und sprach mit fester Stimme. »Wer seid ihr, dass ihr es wagt einem Edelmann gegenüber diesen Ton anzuschlagen? Und woher stammt ihr mit eurer fremdartigen Kleidung?«

Voller Stolz betrachtete Sempuk seinen Herrn, um sich dann wieder mit grimmigem Blick auf den angesprochenen zu konzentrieren. Der schaute die beiden entgeistert an und murmelte vor sich hin. »Irgendetwas stimmt nicht mit ihren Augen. Die Pupillen groß, der Blick glasig … «, laut richtete er sich dann an die Abseits stehende Gruppe, »holt zwei Eimer mit eiskaltem Wasser und führt die Pferde weg!«

Perplex drehten Heidenuk und Sempuk sich um. Verunsichert wussten sie nicht, wie sie reagieren sollten. Zwei Frauen lösten sich aus der Gruppe und näherten sich den verschwitzten Tieren. Irritiert verfolgten der Ritter und sein Knappe, wie diese keine Scheu zeigten und sich widerstandslos abführen ließen. Als sie sich wieder umdrehten, standen ihnen zwei Männer mit Eimern in den Händen gegenüber. Bevor sie deren Einsatzzweck erfassten, klatschte ihnen ein Schwall eiskaltes Wasser ins Gesicht. Vollkommen überrascht, entglitten ihnen die Schwerter. Mit beiden Händen wischten sie das Nass aus dem Gesicht. Dabei schüttelten sie sich heftig, denn ein Teil des Wassers fand seinen Weg unter ihre Kleidung.

Heidenuk erlangte zuerst seine Fassung wieder. Die erfrischende Abkühlung offenbarte eine komplette Veränderung. Sein Blick war jetzt ebenso klar wie sein Geist. »Mensch Guido, musste das sein? Was ist hier los?«

Süffisant lächelte der Angesprochene. »Ich weiß zwar nicht, welche Drogen ihr zwei Komiker euch gegönnt habt, aber diese Szene habt ihr jedenfalls gründlich vermasselt.«

Kristof, der sich bis eben noch Heidenuk nannte, reagierte empört. »Du weißt genau, dass wir keine Drogen nehmen!«

Guido war genervt. »Hast du eine Ahnung, was für eine Nummer ihr beiden gerade abgeliefert habt? Nein? Seht es euch gerne an, ist schließlich alles gefilmt worden!«

»Wie kommst du darauf, dass wir Drogen genommen haben?«, meldete sich Lasse zu Wort, der vor kurzem noch Sempuk war.

Sarkastisch fragte Guido zurück, »seid ihr sicher, dass es euch gut geht?«

Verwirrt schauten Kristof und Lasse sich an, zuckten mit den Schultern und drehten sich wieder ihrem Chef zu. Kristof beantwortete dann die Frage. »Soweit schon, aber ehrlicherweise muss ich eine Erinnerungslücke gestehen. Außerdem fühlt sich der Kopf ziemlich schwammig an.«

Zustimmend nickte Lasse und erkundigte sich neugierig, »was ist überhaupt passiert?«

Verächtlich schnaubte Guido. »Passiert? Scheinbar hieltet ihr euch für Ritter und Knappe, die in einem Zauberwald vor imaginären Bösewichten auf der Flucht sind. Ihr solltet euch anhören, was für dummes Zeug ihr gefaselt habt.«

»Ritter und Knappe? Wir haben doch nicht mal Rüstungen an«, wunderte sich Kristof.

»Richtig. Und die Reitgerten waren eure Schwerter«, ergänzte Guido höhnisch und brachte alle Herumstehenden zum Lachen. »Ihr wähntet euch wohl im Mittelalter. Das müssen wirklich extreme Halluzinationen gewesen sein.«

»Und woher sollen die gekommen sein?«, fragte Lasse beleidigt.

»Das ist in der Tat eine gute Frage.« Erwartungsvoll blickte Guido die zwei an, die wie begossene Pudel vor ihm standen.

Laut überlegte Kristof und schaute dabei seinen Leidensgenossen an. »Wir haben kein Alkohol und keine Drogen konsumiert.” Während er nachdachte, schüttelte Lasse zur Bestätigung den Kopf. Mit Bedacht fuhr er dann fort. “Wie üblich erschien Lasse rechtzeitig, damit wir den Tag besprechen konnten. Uns war hungrig, doch durch den sehr früh angesetzten Drehbeginn war das Essenszelt noch geschlossen. Keiner von uns hatte in seinem Wohnwagen etwas Essbares, aber Lasse meinte eine Lösung zu kennen. Er ist kurz verschwunden und kam mit einigen Pilzen zurück, die wir gebraten haben.«

Ungläubig fragte Guido nach. »Pilze? Wo hast du die denn aufgetrieben?«

Schuldbewusst verteidigte sich Lasse. »Hier aus dem Wald natürlich.«

»Das ist eine Kulisse du Schwachkopf!«, schimpfte Guido und verdrehte die Augen. »Sie scheinen ja geschmeckt zu haben. Weißt du wenigstens, was es für welche waren?«, wandte er sich wieder an Lasse.

Am Rand der Gruppe versuchte sich ein jüngerer Mann davon zu schleichen, doch im Augenwinkel registrierte Guido die Bewegung. »Meik!«, schallte es durch die Luft. Der Gerufene erstarrte in seiner Bewegung, verhieß der Tonfall nichts Erfreuliches. »Herkommen!«, ordnete Guido an. Mit eingezogen Kopf trottete der Gerufene heran. Väterlich legte der Chef eine Hand auf dessen Schulter und säuselte trügerisch. »Mein liebster Kulissen Baumeister Meik, besteht die Möglichkeit, dass du zur Aufklärung dieser außergewöhnlichen Umstände irgendetwas beisteuern kannst? Vielleicht ein klitzekleiner Hinweis, der Licht ins Dunkle bringt?«

Verlegen knetete Meik seine Hände und wich jedem Blickkontakt aus.

»Erleuchte uns, Meik. Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen«, stachelte Guido den Mitarbeiter an und versuchte sein brodelndes Inneres im Zaum zu halten. Aber alle spürten, wie die Luft bereits knisterte.

Zaghaft begann Meik zu reden. »Ich glaube, ich bin deshalb ein guter und gefragter Dekorateur, weil ich auch auf kleinste Details achte.« Er machte eine Pause und hoffte auf Zustimmung. Doch Guido drehte lediglich eine Hand, um ihn zum Weitermachen anzuhalten. Meik ergab sich seinem Schicksal. »Um der kargen Kulisse ein paar Tupfer echter Natur zu verpassen, habe ich einige Pilze am Wegesrand platziert.«

»Ich hatte mich schon gewundert, warum die so leicht zu pflücken waren«, murmelte Lasse und erntete einen strafenden Blick von seinem Chef.

»Was für Pilze?«, wollte Guido wissen, um auf den Punkt zu kommen.

Meik zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht so genau, bin ja kein Pilzfachmann.« Vorwurfsvoll ergänzte er mit leicht erhobener Stimme, »aber es rechnet ja keiner damit, dass da jemand kommt und die isst!«

»Was für Pilze?«, wiederholte Guido seine Frage und versuchte ihm auf die Sprünge zu helfen. »Waren da möglicherweise ungenießbare bei, vielleicht sogar giftige oder welche, die Halluzinationen auslösen, wie zum Beispiel Fliegenpilze?«

Entrüstet wehrte Meik sich, »jedes Kind weiß doch, dass Fliegenpilze giftig sind und erst recht, wie sie aussehen!« Dabei warf er Lasse einen bösen Blick zu.

»Meik!«, ermahnte ihn sein Chef.

Alle Kollegen hielten die Luft an und verharrten in ihrer Bewegung. Die Spannung glich einem viel zu straff aufgeblasenem Ballon, der bei der kleinsten Berührung zu platzen droht. Hilfe suchend blickte Meik in die Runde. Obwohl kaum wahrnehmbar, schlugen seine Worte wie eine Bombe ein. »Ja, auch Fliegenpilze.«

Und wenn sich Kristof und Lasse vollständig von ihrem Trip erholt haben, drehen sie noch heute Filme.


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