Jessa Crispin – Warum ich keine Feministin bin

Eher unwahrscheinlich stolpert man im Vorbeigehen über dieses Buch, als Mann noch viel weniger. Wie landete es bei mir? In der 3sat Sendung “Kulturzeit” wurde die Autorin Jessa Crispin interviewt. Was sie dort erzählte war für mich ausschlaggebend, mir ihr Buch zu besorgen. Die im Interview getätigten Äußerungen waren kämpferisch, prägnant, deutlich und verständlich. Daher war ich auf die Lektüre gespannt.

Im Buch lassen sich dann auch durchaus interessante Gedanken, richtige Erkenntnisse und wichtige Anschauungen finden. Meine vorsichtige Formulierung lässt ahnen, dass sich das Leseerlebnis als nicht so rosig entpuppte, wie angenommen.

Das Manifest liest sich wie der spontane Monolog einer wütenden Frau. Jeder von uns dürfte in der Lage sein aus dem Stegreif über sein Herzthema eine halbe Stunde oder auch länger zu referieren. Kaum einer wird aber von sich beanspruchen, dann eine tadellose Rede hinzulegen. Auf alles, was man sich an Unvollkommenheit vorstellen kann, trifft man im Buch.

Buchcover: Jessa Crispin – Warum ich keine Feministin bin
Buchcover: © liegt bei den jeweiligen Rechteinhabern.

Es liest sich hakelig. Merkwürdig konstruierte Sätze, zum Teil scheinbar endlos. Eins ihrer Lieblinge ist der Gedankenstrich „–“, den sie fast inflationär einsetzt. Immer wieder musste ich Sätze oder Absätze noch einmal lesen, weil sich mir der Inhalt nicht erschloss. Oder der Zusammenhang an sich, denn das Gefühl vor einem zusammengewürfelten Stapel Papier zu sitzen, verstärkte sich mit fortschreitender Lesedauer. Der unsortierte Eindruck zog sich durch das ganze Buch. Hinzu kam eine gewisse Fahrigkeit, als sprudelten ihre Gedanken schneller, als sie sie aufschreiben konnte. Manches mal fangen Aspekte sehr interessant und schwergewichtig an, um dann wie eine Pusteblume zu zerstäuben.

Am Ende konnte ich nicht beurteilen, ob alle ihre Darstellungen konsistent sind oder Widersprüche beinhalten. Selbst die im Interview getätigten Standpunkte ließen sich nicht in der Form herauslesen. Der kämpferische Aufruf zu einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft, findet sich nur mit viel Wohlwollen wieder.

Insgesamt bin ich überwiegend enttäuscht. Im Interview hat Jessa Crispin gezeigt, dass sie die falsche Ausrichtung des Feminismus‘, wie er betrieben wird, verstanden hat. Jedoch schafft sie es im Buch nicht, über Ansätze hinaus, die Problematik und aktuelle Situation verständlich zu erläutern. Einige durchaus vorhandene Lösungswege lassen sich nicht als solche wahr nehmen, weil sie in den genannten Schwächen untergehen.

Meine inhaltliche Zusammenfassung ihrer Streitschrift (Buch, mit starker Unterstützung des Interviews):

Seitdem der Feminismus Begriff aufgetaucht ist, versuchen Frauen nur andersgeschlechtliche Männer zu sein. Sie agieren und denken wie Männer. Mit dieser Selbstkasteiung und Unterwerfung will sich Jessa Crispin nicht identifizieren. Frauen denken anders, deswegen agieren sie anders und haben auch andere Bedürfnisse, nicht nur für sich selbst, sondern auch im Umgang miteinander. Für Crispin ist Feminismus, wenn diese Andersartigkeit gleichberechtigt anerkannt, behandelt, respektiert, berücksichtigt wird und zur Geltung kommt. Wenn Frau eine andere Herangehensweise hat, ist das nicht abfällig zu begleiten, nur weil Mann es nicht gefällt, nicht passt, nicht kapiert, nicht begreift. Letztlich gibt es für die Autorin nur eine Lösung: die Männerwelt muss ihren Macho-Sockel verlassen und akzeptieren, dass Frauen nicht nur minderwertige Sexobjekte sind.

Soweit im Groben, ich will schließlich nicht ihre Arbeit machen. Ich stimme ihr uneingeschränkt zu, weshalb ich mir das Buch zulegte. Deshalb bin ich so betrübt, dass das Buch nicht einlöst, was sie vertritt. So gerne ich die Verbreitung ihrer Thesen fördern möchte, kann ich nicht zu einer Investition in das Buch raten. Zu konfus ist die Aufarbeitung, als dass sich daraus eine geschliffene Streitaxt formen lässt. Am Ende bleibt die Frage unbeantwortet, mit welchen Parolen aus dem Buch man nun auf der Straße demonstrieren gehen könnte.

Wertung: 4 von 9
Wertung 4 von 9

 

Verlag: Suhrkamp
Seiten: 145
Preis: 12,95 EUR
ISBN: 978-3-518-46899-9