Augen Blick

Grafik eines Augapfels mit sichtbaren Blutadern
Blutiger Augapfel: Bild © bei OpenClipart-Vectors auf Pixabay | Lizenz: CC0

Lesezeit: ∼18 Min.
Wörter: 3.010
Zeichen: 19.529
Norm-Seiten: 11
Lizenz: Außer Verlinkung keine freie Nutzung gestattet. Bei Interesse und für Übersetzungen vorher anfragen.

Das grobmaschige Kartoffelnetz vor der Brust, schleppte sich Morten Stufe um Stufe schnaufend die Kellertreppe hinunter. Wütend und übelgelaunt, weil der bröckelige Dreck seine Klamotten verschmutzte und der halbe Zentner ihm seine verkümmerten Kräfte deutlich spüren ließ. Permanent bewegte sich der Haufen, als führten die Knollen ein Eigenleben. Trockene Staubwölkchen stiegen empor und reizten seine Nase. Gerade tastete sein linker Fuß nach der nächsten Stufe, da hörte er die ersten Kartoffeln dumpf auf den Boden purzeln. Gleichzeitig befreite sich seine Nase mit einem heftigen Niesen vom juckenden Staub. Unkontrolliert trat er auf Kartoffeln. Zerquetscht verwandelten sie sich zur glitschigen Falle für sein Gleichgewicht. Auf der Suche nach Halt beförderten die Arme ihre Last in die Luft und ruderten wild herum. Unterdessen verlor ein Fuß nach dem anderen den Bodenkontakt und hob nach vorne ab. Hart krachte Morten mit dem Hinterkopf auf eine Stufe. Er brauchte kein Medizinstudium, um zu wissen, dass das Knacken im Rücken nichts Gutes verhieß. Den Aufprall der fallenden Kartoffeln auf seinen Unterleib spürte er nicht. Da es unwahrscheinlich war, dass sich die Decke bewegte, vermutete Morten auf den Kartoffeln in den Raum zu rutschen. Ruhig lag er da und fragte sich, wo die Schmerzen blieben. Als kein Muskel auf seine Befehle reagierte, begann er sich ernsthaft Sorgen um seinen Körper zu machen. Wenigstens sein Gehirn schien soweit in Ordnung zu sein, was ihn zuversichtlich stimmte. Obwohl stur geradeaus starren, ohne mit den Wimpern zu zucken, sich nicht gut anfühlte, war er froh, dass seine Augen funktionierten. Und Ohren, wie er nun feststellen musste.
»Was ist das für ein Krawall?«, motzte seine Frau Marta die Kellertreppe herunter. Beim langsamen Abstieg übertönte ihre giftende Stimme das Klappern ihrer hölzernen Pantoffeln. »Was hast du Nichtsnutz wieder angestellt? Zu dämlich einen Sack Kartoffeln in den Keller zu bringen! Überall liegen …« Abrupt verstummten ihre Tiraden, als sie ihren Mann auf dem Boden erblickte. Dicht stellte sie sich an seine Seite und betrachtete ihn minutenlang voller Abscheu. Irgendwann drehte sie den Kopf zur offenen Kellertür und keifte im wütenden Befehlston durchs Haus. »Pupsi!« Kurz darauf erschütterten übergewichtige Schritte das baufällige Haus. Treppab setzte ihr 27‑jähriger Sohn Melvin immer die Hacke zuerst auf, was bei seinem Gewicht ein donnerndes Stampfen auf der Holztreppe zum ersten Stock verursachte. Zu seiner eingeschränkten Intelligenz gesellte sich ausgeprägte Faulheit, weshalb ihn seine Eltern noch immer durchfütterten. Mit einer Tüte Chips beschäftigt, trudelte er ein. Jäh stockte die volle Hand Chips auf dem Weg zum Mund, als er seinen alten Herrn erblickte. Zögernd trat er näher. Wie spitze Eiszapfen schleuderte seine Mutter ihren Hass durch die Luft. »Sieh dir diesen Versager an. Selbst für einen tödlichen Unfall ist er zu dämlich!«
»Mama!«, entrüstete Melvin sich.
»Was?«, fauchte sie ihn an. »Die neue Versicherungspolice beginnt erst in zwei Wochen, dann hätte er sich von mir aus sofort alle Knochen brechen können!«, funkelte sie wütend. Doch plötzlich erhellte sich ihr Gesicht mit einem teuflischen Grinsen. Melvin folgte ihrem Blick und drehte sich um. Zwei Augenpaare fixierten die Gefriertruhe, als zuckersüße Worte durch den Keller flöteten. »Will mein kleiner Melvin heute Nacht mit Mama kuscheln?«
Freudestrahlend verschwanden die inzwischen durchgeschwitzten Chips im Mund, bevor dieser sich umdrehte. Gier glänzte in seinen Augen.

Nur spärlich erleuchtete die Deckenlampe den Keller. Die unterernährte Figur in einen zu großen Pyjama gehüllt, gewöhnten sich Clives Augen langsam an das schummrige Licht. Angst hatte er keine. Sein zurückgebliebenes Gehirn kannte diese Empfindung nicht. So dumm, wie ihn stets alle schimpften, war er jedoch bei weitem nicht. Er wusste, dass sein siebter Geburtstag bevor stand und erst recht, dass er den Keller nicht betreten durfte. Aber Mutter war wie meist nicht zu Hause und sein fetter Bruder hatte ihn alleine gelassen, obwohl ihm das strikt verboten war. Wie üblich schloss er Clive in seiner kleinen Kammer ein und verschwand. Allerdings hatte Clive längst einen Zweitschlüssel gefunden und in einem der Löcher seiner verschlissenen Matratze versteckt.
Langsam drehte er sich und die Schatten des schwachen Lichtscheins verstärkten die Konturen einer Fratze, die jedem Geisterbahn Besucher das Blut hätte gefrieren lassen. Deformiert wie ein zerlaufener Klumpen Wachs, entsprach es eher einer missglückten Zeichentrickfigur, als einem Menschen. Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame, war eine Schönheit dagegen. Nur Clives schlichtes Gemüt sorgte dafür, dass es ihn nicht kümmerte. Jetzt wurde sein Blick von etwas angezogen, was wie ein leuchtender Stern im dunklen Keller strahlte. Den Kopf schief gelegt, schlurfte er zur Gefriertruhe. Deren kalte Aura kroch unter seinen dünnen Schlafanzug und überzog seinen Körper mit Gänsehaut. Vorsichtig hob er den Deckel an und lugte durch den kleinen Spalt in die dunkle Truhe. In Zeitlupe bewegte er den Deckel nach oben. Mit einem Klicken gab der Schalter das Licht frei und Clive sprang mit einem entsetzten Aufschrei erschrocken zurück. Dumpf schlug der Deckel auf und saugte sich an seinem Unterteil fest. Skeptisch betrachtete er den eckigen Kasten und versuchte das Gesehene zu verarbeiten. Neugierig trat er wieder heran und öffnete den Deckel soweit, bis dieser von selbst seine Position hielt. Vor ihm lag ein Mann, dessen weit geöffneten Augen ihn direkt anstarrten. Gebannt erwiderte Clive den Blick und rührte sich nicht. Eine beklemmende Stille erfasste den schummrigen Keller.
»Doch, ich kann sprechen«, empörte Clive sich unvermittelt, verharrte aber weiter in seiner steifen Haltung. »Mir ist verboten worden hier zu sein und ich wollte jetzt herausfinden warum. Nachdem mich Melvin vorhin eingeschlossen und das Haus verlassen hat, schloss ich mit meinem Schlüssel einfach wieder die Tür auf. Mama weiß das glaube ich nicht, also das Melvin mich oft alleine lässt. Und beide wissen nicht, dass ich einen zweiten Schlüssel gefunden habe, weil mich alle für blöd halten.« Clive stockte. »Bruder? Ich weiß nicht. Wenn die Frau vom Amt da ist, soll ich sagen, dass ich sein Bruder bin. Aber wenn wir alleine sind, schimpft Mama immer mit mir und sagt, ich muss auf meinen Vater hören. Ist wohl dasselbe. Ich verstehe das nicht und kümmert mich auch nicht.« Clives missachteter Geist sehnte sich nach Unterhaltung, ohne mit Schimpfwörtern davon gejagt zu werden. Jetzt aber verwandelte sich der Keller erneut in ein Stillleben. Nur wer sich traute Clives unförmiges Gesicht zu beobachten, sah seinen inneren Kampf.
»Nein!«, rief er laut aus und schüttelte mit kurzen, heftigen Bewegungen den Kopf, ohne den Blickkontakt zu verlieren. Vor Entsetzen überschlug sich seine dünne Stimme. »Das mache ich nicht! Das kann ich nicht! Das tut bestimmt ganz doll weh! Vielleicht sterbe ich oder liege wie tot da, so wie du!« Seine Augen wurden feucht. »Es ist mir egal, wer du bist.« Steif verharrte Clive an der Truhe. Unfähig sie zu schließen oder sich abzuwenden. Kläglich begehrte sein Widerstand auf und brach beim Sprechen immer wieder ein. »Deine sind viel größer. Die passen bestimmt nicht. Das ist viel zu eng. Das kann doch nicht funktionieren.« Aus den Augen liefen Tränen, aus der Nase Schnodder, vermengten sich am Kinn und klatschten auf den Boden. Am ganzen Körper zitterte Clive, als er verhalten nickte. Langsam hob er seinen rechten Arm und führte die Hand zum linken Auge des Mannes. Seine dürren Fingerspitzen platzierte er um den Augapfel und drückte vorsichtig zu. Erschrocken fuhr er plötzlich zusammen und stach dann ohne Zögern seine Finger hinein. Nach einem kurzen Ruck hielt er das Auge in der Hand. Nun näherten sich seine linken Finger seinem linken Auge. Erbärmlich schluchzend stoppte er kurz davor. In diesem Augenblick lernte Clive die Angst kennen. Erbarmungslos umschlang sie seinen bebenden Körper und verwandelte seine Haut in ein Gefängnis, aus dessen Poren sie eiskalten Schweiß presste. Clives unschuldiges Leben endete, als er mit einem resoluten Manöver die Finger um sein Auge rammte und es kurz darauf in der Hand hielt. Seine Beine knickten ein und er landete hart auf den Knien. Der Oberkörper kippte nach vorne, doch in den Händen hielt er die Augen und konnte sich damit nicht abfangen. So schlug er mit dem Kopf gegen die Gefriertruhe, was ihn bei Bewusstsein hielt. Zusammengekauert am Boden stopfte er sich mühsam das Auge des Mannes in seine leere Höhle. Ein unsäglicher Schmerz zuckte wie ein brennender Peitschenhieb durch seinen Körper und Clive jammerte wehleidig. Unter großer Kraftanstrengung zog er sich am Rand der Truhe nach oben. Zittrig drückte er sein Auge an den leeren Platz im Gesicht des Liegenden. Er wollte etwas sagen, brachte aber kein Ton hervor. Gegen die Truhe gelehnt, deckte er mit einer Hand sein heiles Auge ab. Die Überraschung, mit dem fremden sehen zu können, drängte auf einen Schlag die schlimmsten Schmerzen in den Hintergrund. Es irritierte ihn, dass sich die bislang im Kopf vernommene Stimme nun wie eigene Gedanken anfühlte. Ernsthaft besorgt war er jedoch darüber, dass ihm seine Körperfunktionen nicht mehr gehorchten. Er drehte sich wieder zum Inhalt der Truhe, obwohl er sich nicht erinnerte, dieses gewollte zu haben. Erstaunt beobachtete er sich dabei, wie er im nächsten Moment das rechte Auge des Mannes in seiner linken Hand hielt. Weil er aber wusste, was nun folgte, verweigerte er seiner rechten Hand ihr Vorhaben. Mehrmals ging die Hand direkt vor seinem Auge vor und zurück, bis sie ihm unvermittelt eine Ohrfeige verpasste.
»Hör mit dem Quatsch auf!«, hörte er sich sagen, obwohl er das nicht gedacht hatte.
»Ich will das nicht noch einmal tun! Reicht das eine nicht?«, warf er sich selbst vor.
»Sei kein Feigling! Du hast das erste Mal doch auch überlebt. Außerdem haben wir nicht viel Zeit.« Schimpfte er mit sich. Clive war völlig durcheinander. Diesen Moment nutze sein neuer Mitbewohner und tauschte mit einer schnellen Bewegung die Augen aus. Ein kurzer Schmerzensschrei beendete das Theater.
»Ich komme zurück, sobald ich fertig bin.«, sah und hörte Clive die Worte aus seinem Gesicht kommen.
Wieso kann ich nicht reden? Und fühlen tue ich auch überhaupt nichts! Was ist hier los?, schreiten die Gedanken in seinem Kopf. Sämtliche Vorgänge und die veränderte Wahrnehmung überforderten seine Verarbeitungskapazitäten vollständig.
»Ich weiß, du hast viele Fragen und ich werde sie dir beantworten, wenn alles erledigt ist. Fürs Erste muss dir genügen, dass Vater und Bruder niemals ein und dieselbe Person sein dürfen. Das …«, und zeigte auf Clives Gesicht, »kommt nämlich sonst dabei raus.« Damit wandte er sich ab und kam mit einem Tuch wieder, um die wenigen Bluttropfen aus beiden Gesichtern zu wischen. Ein verzerrtes Lächeln, ein Winken, dann schloss sich der Deckel und pechschwarze Dunkelheit empfing Clive in Mortens Körper.

Melvin wuchtete seine schwergewichtige Statur die hölzernen Stufen zur Veranda hoch, die sich ächzend der Belastung entgegen stellten. Außer Atem stieß er die Haustür auf und warf sie hinter sich krachend ins Schloss. Der schnellste Weg zur Küche führte durchs Wohnzimmer, wofür ihm das spärliche Licht des Vollmondes genügte, welches die verdreckten Fensterscheiben durchdringen konnte. Hunger und Durst duldeten keine Verzögerungen.
»Trudelt das fette Schwein auch endlich ein?«, spie die Dunkelheit angeekelt aus.
Bis ins Mark erschüttert, stoppte und drehte Melvin sich für seine Fettmassen viel zu abrupt. Unkontrolliert gerieten sie so stark in Bewegung, dass er das Gleichgewicht verlor. Ungebremst plumpste er in einen Sessel, woraufhin dieser krachend seine Dienste quittierte. Wie ein Käfer zappelte Melvin rücklings auf dem Boden.
Voller Verachtung zischte die Stimme aus der Dunkelheit. »Wie armselig. Wie jämmerlich. Und mit so einem Fettklops treibt es die eigenen Mutter oder hat sie dich nur das eine Mal ran gelassen?«
Währenddessen hatte Melvin sich in eine sitzende Position gekämpft und lehnte an der Wand. Schweiß triefte über sein bleiches Gesicht und es bildeten sich dunkle Flecken auf der Kleidung. Angst und Anstrengung versetzten seinen Körper in Alarmzustand. Jedoch schien ihn irgendetwas zu irritieren, wie seiner begriffsstutzigen Mimik deutlich anzusehen war. Das Augenpaar, welches ihn beobachtete, konnte hervorragend im Dunkeln sehen und ihr Besitzer grinste zufrieden in sich hinein.
Mit aufgesetzter Wut versuchte Melvin seine Nervosität zu überspielen und bemühte sich dabei, schnaufend aufzustehen. »Clive, bist du das? Bist du bescheuert mir so einen Schreck einzujagen! Wenn ich dich zu fassen kriege, wirst du die Prügel nie wieder vergessen!«
»Halt die Fresse und bleib sitzen!«, kam es schneidend aus der dunklen Ecke.
Verdattert ließ Melvin sich wieder fallen. »Ich habe Hunger und Durst – und brauche eine Toilette«, wimmerte er nun.
»Wer so fett ist, verhungert nicht so schnell und wenn du es dir nicht verkneifen kannst, musst du es eben laufen lassen. Und jetzt halt die Klappe!«
Den abgrundtiefen Hass in den Worten kapierte selbst Melvin.
»Worauf warten wir?«, flüsterte er nach einem Augenblick zaghaft.
»Bist deine verdorbene Mutter nach Hause kommt!«

Auf der Veranda kündigten Stöckelschuhe Martas Rückkehr an und Melvin erhielt eine deutliche Warnung. »Ich will kein Ton von dir hören!« Die Haustür öffnete und schloss sich. Schuhe flogen unter den kleinen Tisch im Flur und das Schlüsselbund klirrend obendrauf. Ihre Silhouette erschien im Türrahmen. Eine Hand näherte sich dem Lichtschalter. Kurz waren alle Anwesenden geblendet.
Bevor sich zwei an die Helligkeit gewöhnt hatten, keifte es schon durchs Zimmer. »Was ist hier los? Was hat der Krüppel hier zu suchen? Und was hast du Taugenichts mit dem Sessel gemacht und kauerst so jämmerlich auf dem Fußboden?« Sie stockte, rümpfte die Nase und zeigte auf Melvin. »Ist der Fleck auf der Hose das, wonach es hier stinkt?«
Lautstark wurde sie gebremst. »Halt endlich die Klappe, du Miststück!«
Wut und Abscheu blitzten in ihren Augen, als sie zum Sprecher herumfuhr. Doch augenblicklich erstarrte sie und ihr billiges Gehabe wich blanker Furcht. Clive hatte die Decke, die bislang unbeachtet quer über seinen Beinen lag, beiseite genommen. Marta wurde kurzatmig und Melvin drohte zu kollabieren. Genüsslich grinsend weidete sich Clive an der Angst seiner verdorbenen Familie.
Säuselnd versuchte Marta die Oberhand zu gewinnen. »Clive, mein Lieber, leg das bitte weg, damit spielt man nicht herum. Wenn das los geht, hat das ernsthafte Folgen. Woher hast du eigentlich Mortens Gewehr? Nicht mal ich wusste, wo dieser Mistkerl es versteckte?«
Clive war genervt. »Kannst du nicht endlich dein verlogenes Schandmaul halten?« Langsam richtete er den Lauf auf sie. »Eiskalt habt ihr mich auf Eis gelegt …«, kurz schmunzelte er über sein Wortspiel und fuhr dann angewidert fort, »… weil du verlogenes Biest scharf auf die Versicherungsprämie warst. Zur Belohnung hast du dich nicht nur vom eigenen Sohn vögeln, sondern auch noch schwängern lassen. Wie dämlich kann man nur sein?«
Von der eigenen Brut bloßgestellt, zitterte die Ertappte am ganzen Körper und stütze sich an der Wand ab. Mit Hass verzerrtem Gesicht spuckte sie immer noch Gift und Galle, nur etwas unsicherer. »Das kannst du nicht Wissen. Du bist ein dummer Krüppel. Ein Missgeschick; ein Versehen. Dir steht es nicht zu, so über mich und mit mir zu reden. Und derartige Anschuldigungen schon gar nicht. Seit wann redest du überhaupt so flüssig? Und was ist mit deinen Augen, die stehen eklig weit vor?« Das Ladegeräusch der Waffe beendete ihr Gezeter.
Angewidert befahl Clive: »Los, ab ins Schlafzimmer, ihr Turteltäubchen!«

In der nächsten Nacht bestaunte Clive mit einem entrückten Lächeln die sich ständig ändernden Schatten, die von zahlreich zuckenden Einsatzlichtern in die Dunkelheit gezeichnet wurden. Es sah aus, als würde sein Zuhause einen abgehackten Tanz aufführen. Er saß in einem Kleinbus der Polizei und nahm die in kleinen Gruppen herum stehenden Frauen und Männer nur am Rande wahr. Niemand redete. Das kalte, blinkende Licht verstärkte das Entsetzen in ihren Gesichtern. Etwas Abseits übergab sich jemand und war bei weitem nicht der erste. Eine stämmige Beamtin betreute ihn, stand aber vor der offenen Schiebetür, seitdem sie aus dem Haus gekommen war. Zweifelsohne bereute sie, die Warnungen der Kollegen in den Wind geschlagen zu haben.
Clive hingegen strotze vor Glück, war er noch nie von so vielen Menschen umgeben. Sie begegneten ihm zwar unterschiedlich, aber immer respektvoll und freundlich.
Geduldig hatte er in seiner abgeschlossenen Kammer auf seine Befreiung gewartet. Morten hatte ihm nicht verboten ins Schlafzimmer zu gehen, aber eindringlich gewarnt, dass seine Seele im Kopf ganz schlimm kaputt ginge und nie wieder heilen würde, sollte er hineinsehen. Das wollte Clive auf keine Fall. Zur Belohnung beschrieb ihm Morten einen Trick, wie er von Innen seine Kammer zuschließen konnte, obwohl der Schlüssel außen steckte. Fasziniert hatte Clive zugehört und später nur neun Versuche benötigt. Bei dem Gedanken daran lächelte er verträumt vor sich hin und war mächtig Stolz auf sich. Erneut streichelten Mortens letzte Worte seine Seele: Du bist ein feiner und tapferer Junge. Jetzt wird alles besser. Vorsichtig legte er seine kühlen Finger auf die Augen; sie brannten noch leicht.

Ein älterer Mann löste sich aus seiner Starre und trat an das Auto. »Du bist …«
»Clive«, kam ihm dieser zuvor und strahlte übers Gesicht. Zum ersten Mal sprach er ohne Aufsicht mit anderen Menschen und fühlte sich großartig.
»Du weißt also nicht, was in den letzten Stunden passiert ist oder hast irgendetwas mitbekommen?«
»Nein, um mich herum war es stockfinster«, antworte Clive und nickte zur Bekräftigung. Morten hatte ihm das so aufgetragen und ausgiebig erklärt, welche Schwierigkeiten ihm drohten, würde er erzählen, was er gehört hatte oder was sie mit den Augen gemacht haben. Glauben und verstehen würde es sowieso keiner. Clive begriff durchaus die Bedeutung und Folgen, weshalb er jetzt sein unschuldigstes Lächeln präsentierte. Schweigend nahm der Einsatzleiter Clives stets gleichlautende Antwort zur Kenntnis. Ihm war klar, dass dem Kind die körperlichen Voraussetzungen für diese Taten fehlten. Er konnte sich nur nicht vorstellen, wie ein derartiges Massaker in der wenige Meter entfernten Kammer unbemerkt bleiben konnte. Geräuschlos entstand ein solches Schlachtfeld nicht.
»Und von dem Mann in der Gefriertruhe im Keller …«
»Keller war verboten. Gab Schläge, wenn ich die Tür anfasste«, unterbrach ihn Clive.
Stoisch akzeptierte der Beamte diesen Einwand und sprach dann zu seiner Kollegin. »Offiziell existiert der Junge nicht. Wieso ist offensichtlich und steht in den Geständnissen seiner – Eltern.« Fassungslos schüttelte er den Kopf. »Mir bereitet das dritte Schriftstück Kopfschmerzen, aufgrund dessen ein vor Jahren in der Gefriertruhe versteckter Toter die Gräueltaten verübt haben soll. Anhand der aufgezählten Einzelheiten ist das ebenso plausibel, wie absurd. Äxte schwingende Zombies gibt es nur im Kino. Fakt ist, dass der schmächtige Junge ausscheidet und der Tote tot ist. Doch wer zum Teufel hat das geschrieben?«
Gedankenverloren hatte er sich beim Reden zu Clive gedreht, der ihn in seiner ganzen Einfalt anstrahlte: »Ich kann nicht schreiben.«