Aus der Zeit gefallen

Uhrzeiger auf einem Zahnrad, das an der linken Seite in Einzelteile zerbricht.
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Tim war genervt. Er brütete über Mathe Hausaufgaben und steckte fest. Immer wieder wanderte sein Blick aus dem Fenster vor seinem Schreibtisch. Der sonnig warme Tag entführte seine Gedanken zu vielem, was er jetzt lieber täte, als blöde Gleichungen lösen.
Hinter ihm knisterte es im Zimmer. Dankbar für jede Ablenkung, schwang er auf seinem Drehstuhl herum. Mit offenem Mund und großen Augen verfolgte Tim den Tanz kleiner, zuckender Entladungsblitze über dem Fußboden, bis sich ein greller Lichtball entlud. Reflexartig schlossen sich die Augen und eine Hand schnellte schützend davor. Neugier und Aufregung drängten jedoch unverzüglich die Lider sich vorsichtig, aber zügig wieder zu öffnen. Was er erblickte, spaltete seine Gefühlswelt. Eine Hälfte wollte schreiend aus dem Zimmer laufen, die andere rang gebannt mit einem aufsteigenden Lachanfall.
Aus dem Boden ragte der Oberkörper einer menschenähnlichen Person, dessen heftige Bewegungen nur einen Schluss zu ließen: da steckte jemand fest. Im Kopf sah Tim die zappelnden Beine an der Esszimmerdecke. Allerdings war dieses geistige Bild Gift für seine Beherrschung, doch ein weiterer Lichtblitz erschreckte ihn so sehr, dass der Lachanfall im Hals stecken blieb. Falls er im ersten Moment Angst empfunden haben sollte, hatte die sich ebenso in Luft aufgelöst, wie die absonderliche Erscheinung. Vorsichtshalber kniff er sich in den Arm, um sich zu vergewissern, nicht zu träumen.
Belustigt wollte sich Tim gerade wieder seinen Aufgaben zuwenden, als ein Knistern an der Zimmerdecke eine Fortsetzung ankündigte. Schnell schützte er seine Augen und wartete die grelle Sekunde ab. Die gebotene Szene danach übertraf die erste um Längen. Ein halbes Gesicht, seitlich abgespreizt Hände und scheinbar völlig wahllos zwei halbe Füße ragten aus der Zimmerdecke. Wackelnde Finger und Fußspitzen ohne Körper zerrten an Tims Lachmuskeln.
»Verdammt!« Erstaunt, aber nicht verängstigt, vernahm Tim ein verständliches Fluchen. Viel zu amüsiert kam er sich wie in einem Zeichentrickfilm vor, als das ihn jetzt noch Panik befallen könnte. Da schnippte die Gestalt mit den Fingern und plumpste wie ein Sack Kartoffeln bäuchlings auf den Boden.
»Autsch«, kommentierte der Gefallene knapp und trocken sein Missgeschick. Mit dem Gesicht nach unten und alle Viere von sich gestreckt, lag die Figur auf dem Zimmerboden. Tim presste die Hand auf den Mund, um nicht lauthals loszulachen. Langsam rappelte sich das Persönchen auf und schüttelte sich. Dünn; schmächtig; klein; keine Haare; große, eiförmige Augen in einem länglichen Kopf; keine erkennbaren Ohren; lange, filigrane Finger; stelzenartige Beine und bläulich schimmernde Haut. Tim vermutete, dass es nackt war, obwohl keine menschlichen Unterscheidungsmerkmale erkennbar waren. Dann erblickte es Tim und starrte ihn an.
»Du kannst mich nicht sehen, oder?«
»Nein«, druckste Tim hinter vorgehaltener Hand.
»Gut. Und hören auch nicht, oder?«
»Nein«, log Tim erneut.
Das Etwas legte den Kopf schief. »Du willst mich veräppeln, oder?«
Tim spürte, dass er kurz vorm Platzen war und versuchte sich zu retten, indem er mit verkrampfter Ernsthaftigkeit die Figur ansprach. »Wenn du möchtest, leihe ich dir ein T-Shirt?«
Das Wesen schaute an sich herunter. Schlagartig färbte sich sein Kopf giftgrün. Hektisch tippte es auf einem Gerät an seinem Handgelenk, das einem umgeschnallten Smartphone glich. Einen Atemzug später steckte es in einem einteiligen Anzug, der den Körper wie eine zweite Haut einhüllte. Mit orangem Oberteil und dunkelblauen Hosenbereich hätte es aus einem Superhelden Comic entsprungen sein können. Tim war froh, dass um seinen Hals kein Umhang flatterte. Dafür sah die futuristische Jacke ziemlich cool aus. Nachdem der peinliche Moment überwunden schien, straffte sich sein Gegenüber. Die aufgesetzte Ernsthaftigkeit brachte Tims Heiterkeit wieder auf Touren und er musste sich beherrschen, als der übertriebene Auftritt mit einem Räuspern gekrönt wurde. Sichtlich um Haltung bemüht, lauschte Tim den Worten.
»Mein Name ist Odbo 9-2-5 und bin der intergalaktische Nachrichtenbote vom Planeten Rygniuss …«
»Gesundheit«, unterbrach Tim schmunzelnd.
»Danke …« Aus dem Konzept gebracht, stockte Odbo 9-2-5 und guckte leicht dämlich aus der Wäsche. In Zeitlupe, als müsse er seine aufgescheuchten Gedanken mühsam einfangen, wechselte sein Gesicht wieder in den ernsten Modus, bevor es weiterging – allerdings gebot sein erhobener Zeigefinger zu schweigen. »Wie gesagt, vom Planeten Rygniuss, geschickt von unserem weisen Oberhaupt Kruxx der Siebendrittelste«, Tim kniff seine Lippen zusammen, »mit einer wichtigen Botschaft für das Oberhaupt dieses Planeten …«, Odbos Blick schweifte auf das Display am Handgelenk, »… Ro-na-l-d Re-a-gan, die keinen Aufschub duldet und unverzüglich überbracht werden muss.« Ein deutlicher Seufzer der Erleichterung schien das Ende der offiziellen Mitteilung zu bedeuten. »Endlich.« Sichtlich gelöst und mit sich zufrieden, blickte er verheißungsvoll zu Tim.
Trotz seiner Heiterkeit versuchte Tim würdevoll zu klingen, befürchtete aber, das Gegenteil zu erreichen. »Offenbart mir der intergalaktische Nachrichtenbote den Inhalt dieser überaus dringlichen Botschaft?«
Skeptisch betrachtet ihn Odbo 9-2-5. »Spreche ich mit genannter Person oder verfügst du über Befugnisse diese empfangen zu dürfen?«
Tim gruselte es schon beim Gedanke eine solche Position zu besetzen, war jetzt aber viel zu neugierig, um sich den Inhalt entgehen zu lassen. Inzwischen hatte er jegliche Scheu abgelegt und sich eine eher geringschätzige Meinung über seinen Besucher gebildet. Daher war er zuversichtlich, ihm diese Informationen entlocken zu können. Mit autoritärer Stimme und bedeutungsvollen Worten drängte er Odbo 9-2-5 in die Defensive. »Zur Beurteilung der Dringlichkeit ist eine vorige Kenntnisnahme unumgänglich, schließlich soll eine bedeutende Persönlichkeit gestört werden. Außerdem signalisiert es eine Bedrohung schrecklichen Ausmaßes.«
Tim hatte sein Ziel erreicht. Odbo 9-2-5 wirkte nachdenklich und unentschlossen. »Deine Worte klingen vernünftig und sehr überzeugend.« Während seinen Überlegungen wechselte sein Gesichtsausdruck von diensteifrig und wichtig, zu betrübt und mitleidig. »Also gut, doch ich hoffe, dass du dich ihrer würdig und standhaft erweist.« Tim nickte und Odbo 9-2-5 erfüllte seinen Auftrag. »Nach hiesiger Zeitrechnung erleidet dieser Planet in 19,4 Jahren unausweichlich sein endgültiges Schicksal und wird zerstört.« Mit der straffen Haltung eines Soldaten unterstrich er Bedeutung und Ende der Botschaft.
Schweigend beobachteten sie sich. Während Odbo 9-2-5 neugierig auf eine Reaktion wartete, pochte in Tims Kopf eine Ungereimtheit auf Beachtung. Beim Umdrehen, um im Notebook Wikipedia aufzurufen, sprach er zum Überbringer. »Ich muss dich darüber aufklären, dass deine Zielperson nicht das Oberhaupt dieses Planeten ist, sondern lediglich der Präsident eines Landes. Selbiges betrachtet sich zwar gerne als Führungsnation, was aber eher an deren Selbstverliebtheit liegt und nicht der Wirklichkeit entspricht.« Tim schaute über die Schulter und konnte sich in Anbetracht der begriffsstutzigen Mimik seines Besuchers ein Grinsen nicht verkneifen. »Jedoch zerstört ein klitzekleines Detail deine beängstigende Prognose und erweist sich möglicherweise für dich als Katastrophe.«
Überrascht musterte Odbo 9-2-5 Tim. »Für mich? Wie könnte euer Untergang mich betreffen und warum gehst du mit dieser Nachricht so gelassen um? Nimmst du mich nicht ernst?«, endete er entrüstet.
Um seinen Joker auszuspielen, imitierte Tim Odbos Wichtigtuerei. Er setzte sich gerade hin, legte die Arme auf die Lehnen und fixierte Odbo 9-2-5 mit ernstem Gesicht. Zackig knallte er ihm dann seinen Trumpf vor den Latz: »Du kommst zu spät.«
»Oh …« Odbo 9-2-5 entglitten die Gesichtszüge.
Schnell drehte Tim sich zur Seite, um sein Grinsen zu verbergen.
Konsterniert tippte der intergalaktische Nachrichtenbote auf seinem Gerät herum. »Wie konnte mir das nur passieren?«, stockte dann und musterte Tim grimmig, »du veräppelst mich?«
»Nein, großes Pfadfinder Ehrenwort.« Tim spielte den Empörten. Theatralisch legte er seine rechte Hand aufs Herz und hob die linke zum Schwur. Im Stillen fragte er sich allerdings, ob sein außerirdischer Besucher mit dieser Geste überhaupt etwas anfangen konnte. Dessen hilfloser Gesichtsausdruck brachte Tims Beherrschung jedenfalls in arge Bedrängnis. Inzwischen vermutete er, dass seine eigenen Grimassen ähnlich komisch aussehen dürften. Daher riss er sich ein letztes Mal zusammen, um den ratlosen Botschafter vollends aus der Bahn zu werfen. »Dein gewünschter Gesprächspartner, er spricht sich übrigens Ronald Reagan, besetzt die von dir angenommene Position …«, zur Steigerung der Dramatik pausierte er kurz und hob den Zeigefinger, »… seit über 30 Jahren nicht mehr und ist zudem vor 15 Jahren gestorben!« Jetzt brachen alle angestauten Emotionen hervor und Tim rutschte mit einem heftigen Lachanfall vom Stuhl. Durch den Schleier seiner Lach Tränen nahm er schemenhaft wahr, wie Odbo 9-2-5 in sich zusammen sackte und leise jammernd auf dem Boden kauerte. Als Tim sich langsam wieder beruhigte, kroch er zu seinem geknickten Gast und setzte sich neben ihn. Aufmunternd klopfte er ihm auf den Rücken. »Freu dich doch, dass wir am Leben sind, anstatt den Trauerkloß zu markieren.«
Schluchzend malträtierte der Angesprochene sein digitales Handgelenk-Dings. »Ich verstehe das nicht. Wie konnte das nur passieren und warum immer mir?«
»Nun ärgere dich nicht«, ergriff Tim das Wort. »Ich bin ganz froh, dass deine düstere Prognose nicht eingetroffen ist. Obwohl es auch egal wäre, denn dann würde ich hier jetzt nicht sitzen – was rede ich, dann wäre ja nichts mehr hier. Also so richtig komplett überhaupt nichts mehr, oder?«
Odbo 9-2-5 nickte zustimmend. »Ja, so wurde ich zumindest instruiert, wenn ich nichts durcheinander gebracht habe. Vielleicht wurden Pläne geändert und man vergaß mich zu informieren. Vielleicht schickt man mich auch nur aus Bosheit durch die Galaxie, damit ich zu Hause keinen Unsinn anrichte – angeblich soll ich da gewisse Talente besitzen. Aber jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter und bin völlig verwirrt.«
»Pläne?«, hakte Tim hellhörig nach. Die Erleichterung über den ausgebliebenen Weltuntergang blockierte nicht seinen wachen Verstand. Ihm ging es gehörig gegen den Strich, als einziger Mensch von dieser vermeintlichen Apokalypse zu wissen, weshalb diese unbedarfte Erwähnung nicht ohne Erklärung im Raum stehen bleiben durfte.
Verunsichert schaute Odbo 9-2-5 ihn an. Tim sah, wie es in ihm arbeitete. »Bevor ich irgendwelche Schäden anrichte …«, beendete seinen Satz aber nicht. Stattdessen zwang ein grelles Licht Tim zum Schließen seiner Augen. Er ahnte, was er gleich zu Gesicht bekommen würde oder viel mehr, was nicht. Und richtig, wie vermutet war Odbo 9-2-5 verschwunden.
Verärgert rief Tim ihm hinterher, »bevor du irgendwelche Schäden anrichtest? Glaubst du, dein Auftritt hat keine Folgen? Sei bloß froh, dass du nur mir begegnet bist und nicht den verrückten Amis. Bis zur letzten Körperzelle hätten die dich seziert. Darauf kannst du Gift nehmen!« Tim setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, war aber mit seinem Ausbruch längst nicht fertig. »Wenn ich nicht für den Rest meines Lebens in einer Irrenanstalt landen will, darf ich kein Wort über diese Begegnung verlieren. Ganz alleine muss ich damit fertig werden und es irgendwie schaffen, nicht Wahnsinnig zu werden. Vielen Dank Odbo 9-2-5!« Tim hatte sich in Rage geredet. »Wer braucht denn noch Mathe?« Mit einem energischen Handstreich fegte er seine Hefte vom Tisch und nutzte den Schwung, um sich auf dem Stuhl zu drehen. Abrupt stoppte er. Irgendetwas glänzte unter der Heizung. Auf Händen und Füßen kramte Tim den Gegenstand hervor. Neugierig drehte er das Ding in seinen Händen. Er hatte keine Ahnung, was es darstellte, allerdings meldete sich ein mulmiges Gefühl, ob anfassen überhaupt eine gute Idee war. Vorsichtig platzierte er das Objekt in eine leere Schachtel auf dem Schreibtisch. Überzeugt etwas derartiges nicht zu besitzen und auch noch nirgends irgendwo gesehen zu haben, rief er Richtung Zimmerdecke, »Odbo 9-2-5, du hast etwas verloren!«, und zeigte demonstrativ mit beiden Zeigefingern darauf. Für sich selbst ergänzte er zweifelnd, »ich bin gespannt, ob der Trottel den Verlust bemerkt und wie wichtig das Teil ist.« Andächtig verschloss er die Schachtel mit ihrem Deckel und verstaute sie in einer Schreibtischschublade. Danach sammelte er die verstreuten Utensilien vom Boden auf. »Dann wollen wir mal so tun, als sei nichts Weltbewegendes passiert«, grummelte Tim und starrte auf die langweiligen Zahlenkolonnen.

(Fortsetzung folgt … vielleicht … also sollte jemand bestimmtes jemals etwas vermissen)