Übergangstür

Geheimnisvolle Tür vor einer Wolke
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Im Schneidersitz saß Julianka auf ihrem Bett. Die Arme vor der Brust verschränkt, waren die Hände unter den Achseln zu Fäusten geballt. Julianka schmollte – heftig. Eine Woche Stubenarrest hätte sie durchgestanden, aber ihre Eltern griffen zur Höchststrafe für eine 12-jährige und konfiszierten alle technischen Geräte. Ohne Smartphone oder Tablet war sie eine Ausgestoßene. Das Leben fand ohne sie statt. Wut Tränen liefen über ihr Gesicht. Vor ihren Eltern hatte sie den Verlust noch als unbedeutend beiseite gewischt, denn diesen Triumph gönnte sie ihnen nicht. Jetzt war sie nicht nur von der Welt abgeschnitten, sondern hatte auch keinen Ahnung, womit sie sich beschäftigen sollte. Ihr Lebensmittelpunkt fehlte. Angewidert äffte sie ihre Mutter nach. »Die Internetangebote sind für dein Alter sowieso nicht zugelassen.« Eine Erwiderung hatte Julianka sich verkniffen, spie diese jetzt aber Richtung Zimmertür. »Wenn die konsequent alle zu jungen Nutzer aussperren würden, wären es Geisterstädte oder was glaubt ihr, warum die das nicht machen?«
Mit den Ärmeln ihres Sweatshirts wischte sie sich die Augen trocken. Alles Jammern und Zetern nützte nichts, irgendeine Beschäftigung brauchte sie. Ihr Blick schweifte durchs Zimmer. Sie war erstaunt, es nicht zerlegt zu haben, so aufgebracht wie sie war. Ganz oben auf dem Regal fesselten drei Sammelboxen ihre Aufmerksamkeit. Obwohl sie angestrengt grübelte, erhellte kein Licht die dunklen Ecken der Vergesslichkeit. Ein innerer Kampf entbrannte. Jetzt schon ihre Protesthaltung aufzugeben, widerstrebte Julianka, doch gegen Neugier war kein Kraut gewachsen. Vorsichtig balancierte sie auf ihrem rollenden Schreibtischstuhl und verfrachtete nacheinander die Boxen aufs Bett. Aufgeregt stand sie davor und betrachtete ehrfürchtig ihren Fund. Ihr Herz klopfte wie an Weihnachten oder Geburtstagen, wenn Geschenke auspacken an der Reihe war. Wie Eiskristalle schmolz ihre Wut dahin.
Sie lüftete den ersten Deckel. Schlagartig verflog alles Leid der letzten Stunden. Hier also hatte Mutter ihr Lieblings-Knuddel-Bärchen versteckt. Die Trennung vom treuen Gefährten ihrer Kindheit vollzog sich schleichend, als Plüschtiere im Freundeskreis mehr und mehr geächtet wurden. Erst verschwand ihr Liebling unterm Bett und dann aus dem Gedächtnis. In Nostalgie versunken, drückte sie den flauschigen Teddy ans Gesicht. Ein wohliges Gefühl verloren gegangener Geborgenheit erfasste sie. Sorglos genoss sie diesen Augenblick. Natürlich dürften ihre Freundinnen sie niemals so sehen. Unter keinen Umständen. Julianka würde zum Gespött der Klasse, ach was, der ganzen Schule werden. An ausgestreckten Armen beäugte sie ihren Teddy. »Egal, sollen sie doch.« Zuckte mit den Schultern und drapierte den Tröster vergangener Zeiten liebevoll neben ihrem Kopfkissen.
Auf den ersten Blick enthielt die zweite Box nichts von Bedeutung. Sie nahm sich vor, den Inhalt später zu untersuchen.
Kiste drei zauberte dann endgültig jeden Groll hinfort. Ein ansehnliches Sortiment Fingerfarben stapelten sich darin und entflammten Juliankas frühere Leidenschaft. Stets wurde ihr Talent gelobt, unabhängig von den Materialien, die sie probierte und nur durch die finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern begrenzt waren. Verträumt lächelte sie bei den lebhaften Erinnerungen. Über die Jahre zerbröckelte ihr Hobby dann unter gesellschaftlichen Einflüssen. Aus ihrem Umfeld kam zu wenig Unterstützung, um ihre Begabung zu fördern und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Den verborgenen Neid der anderen über ihre Fähigkeiten erkannte Julianka nicht. Kümmerliche Reste verdrängte dann das Internet. Nachdenklich setzte sie sich auf die Bettkante, stützte die Ellenbogen auf die Knie und drehte eine der Farbtuben in den Händen. Sich von ihrer Bestimmung abgewendet zu haben, machte sie traurig. Dumpf drückten Schuldgefühle auf ihr Gemüt, denn sie hatte sich selbst verraten und ihr eigenes Feuer gelöscht.
Abrupt richtete Julianka sich auf. Schockiert von diesen trostlosen Gedanken, erhellte ein Geistesblitz ihre Stimmung. Einen geradezu teuflischen Plan heckte ihr Kopf aus. Auf der Stelle würde sie wieder mit dem Malen anfangen und es gleichzeitig ihren Eltern heimzahlen. Verschwörerisch und siegessicher grinste Julianka und sah sich euphorisch um. Etwas betrübt stellte sie fest, dass sich ihr Zimmer für die Umsetzung weniger eignete, als erhofft. Nur ein kleines Stück freie Wandfläche erspähte sie, aber das sollte genügen. Sie schnappte sich die Kiste mit den Farben und platzierte sie neben sich auf dem Boden. Kurz schloss sie die Augen, um sich ihr Vorhaben innerlich zu visualisieren. Dann gab sie ihrer Hingabe freie Hand.
Übersät mit Farbklecksen bestaunte sie am Ende ihr Werk und strahlte vor Glück. Besonders ein im Bild verstecktes Detail entzückte sie. Geschickt verschmolz eine Tür mit der gemalten Umgebung. Nur wer genau hinsah, konnte Umrisse und Türgriff entdecken. Julianka sah natürlich alles ganz deutlich. Sie war zufrieden, sehr zufrieden sogar. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, seit sie zum letzten Mal gezeichnet hatte und konnte sich zu ihrem Bedauern nicht mal mehr daran erinnern. Mit einem Schulterzucken schob sie den sentimentalen Moment beiseite und bewunderte ihre Kreation. Vom blauen Himmel strahlte die Sonne auf eine bunte Blumenwiese, über die zahlreiche Schmetterlinge flogen. Sattes, grünes Gras lud zum Herumtoben ein. In St. Petersburg waren vergleichbare Orte Mangelware, weshalb Julianka auf ihre Vorstellungskraft baute. Vom Ergebnis war sie fasziniert.
Zögerlich führte sie eine Hand bis kurz vor den Türgriff ihrer Blumenwiese und schloss die Augen. Vorsichtig tastete sie nach dem Griff und sprang erschrocken zurück. Irritiert starrte sie auf das Bild. Deutlich hatte sie den Griff gespürt. Julianka begutachtete ihre Hand, obwohl sie wusste, wie unsinnig das war. Langsam näherte sie sich wieder der imaginären Tür und strich über die Stelle mit dem Griff. Nichts. Sie schüttelte den Kopf. »Was hast du denn erwartet?«, ermahnte sie sich. Nur überzeugt war sie nicht und wiederholte den Vorgang. Als sie wieder den Griff spürte, konzentrierte sie sich, um es nicht zu vermasseln. Ihr pochendes Herz tanzte wild durch den Körper und unsichtbare Kräfte versuchten die Augenlider zu öffnen. Vehement protestierte die Vernunft, dass nicht sein darf, was nicht sein kann. Davon unbeirrt drückte Julianka den Griff und öffnete die Tür. Dass sie den Atem anhielt, merkte sie erst, als ein Hauch Frühlingsluft ihr Gesicht streichelte. Ein Strauß Blumendüfte kitzelte ihre Nase und Vögel zwitscherten fröhliche Melodien. Tief saugte Julianka diese heile Welt in sich auf, bevor sie die Tür wieder schloss. Tränen kullerten über ihr Gesicht. Zu viele Emotionen überwältigten gleichzeitig ihre zarte Seele. Wut war nicht mehr dabei.
Nach einigen Minuten hatte sie sich wieder gefasst und das Gedankenchaos sortiert. Ihr war bewusst, dass niemals jemand ihr dieses Erlebnis glauben würde; sie war sich nicht mal sicher, ob sie es selber glaubte. Argwöhnisch betrachtete sie ihr Gemälde. Ein erneuter Versuch könnte Gewissheit bringen, aber Julianka war skeptisch. Sie wollte den erlebten Zauber nicht gefährden oder womöglich zerstören. Da kam ihr eine Idee, wie ein zweifelsfreier Beweis gelingen könnte. Zuversichtlich drehte sie sich um und ließ enttäuscht die Schultern hängen. Die Blumenwiese hatte auf dem letzten freien Flecken Platz gefunden. Unter diesen Umständen hätte sie lieber ihr Lieblingsmotiv gemalt: Sonne, Strand mit Palmen und türkisfarbenes Meer. Sehnsüchtig dachte sie an Berichte über die Karibik im Fernsehen und fragte sich, wie die Frühlingswiese dieses Motiv verdrängen konnte. Verärgert streifte ihr leerer Blick durchs Zimmer und blieb unbewusst hängen. Sie fokussierte ihre Konzentration und begriff. Natürlich existierte noch eine freie Fläche, recht groß sogar, nur das Bett stand davor. Voller Vorfreude räumte sie das Zimmer um, bis ausreichend Platz zwischen Bett und Wand war. Möglichst leise, damit sie ungestört blieb. Die Zimmertür hatte sie zwar abgeschlossen, aber aufgeschreckte Eltern konnten sehr hartnäckig nerven.
Auf dem Boden kniend, die Kiste mit den Farben neben sich, schloss Julianka die Augen und ließ die Szene innerlich entstehen. Detail um Detail formte sich eine traumhafte Landschaft. Ganz ins Malen versunken, agierten ihre Hände mit magischer Präzision und griffen immer zur richtigen Farbe. Kontinuierlich verwandelte sich die langweilige Wand in ein Postkartenidyll. Zeit verlor jede Bedeutung. Selbst die aufziehende Abenddämmerung unterbrach den Schaffensdrang nicht, denn vor ihren Augen strahlte das Bild. Erst als sie fertig war und ihr Werk überprüfen wollte, realisierte sie die schummrige Umgebung. Sie schaltete das Deckenlicht an. Überrascht staunte sie über den bemalten Holzfußboden. Daran konnte sie sich gar nicht erinnern. Doch ihr Fokus galt der Tür, die natürlich auch hier eingearbeitet war. Julianka fand sie gelungener als im Blumenbild. Noch raffinierter verborgen, dürften Unwissende sie kaum entdecken. Nun stellte sie sich davor. Aufregung ergriff sie. Mit geschlossenen Augen tastete sie nach dem Türgriff. Als sich ihre Hand fest darum schloss, flutete ein wohlig warmes Kribbeln ihren Körper. Der dicke Kloß im Hals und nagenden Zweifel lösten sich auf. Erleichtert über diese Bestätigung drückte sie langsam die Klinke runter. Wellenrauschen, salzige Meeresluft und Möwengeschrei empfing sie. Ein breites Grinsen legte sich auf ihr Gesicht.

»Sie sieht so glücklich aus«, flüsterte Juliankas Mutter mit brüchiger Stimme. Längst waren in ihren geröteten Augen alle Tränen versiegt. Ihr Mann drückte sie fest an sich. Wut und Verzweiflung verzerrten sein Gesicht. Die freie Hand zur Faust geballt, versuchte er die Beherrschung zu wahren.
»Ein Vater muss seine Liebsten beschützen«, fluchte er leise vor sich hin. »Kinder Schlafwandeln nicht!« Herr Krimonov haderte mit sich und der Welt. Seit dem Zwischenfall warf er sich vor, seine Tochter überzogen hart bestraft zu haben. Mit seiner Machtposition hatte er ihr seinen Willen aufgezwungen und sich nicht bemüht, ihre Anliegen und Bedürfnisse zu verstehen. Für sich selbst wünschte er eine harte Bestrafung, aber nicht auf Kosten seiner Tochter. Der Preis war zu hoch und entzog ihm seine Lebensenergie. Monoton klammerte er seine Hoffnung an die immer gleichen Worten. »Sie lebt. Sie ist eine Kämpferin. Schon bald erleuchtet unsere kleine Julianka wieder gesund und munter unser zuhause!«

Ein leises Knacken in den Lautsprechern signalisierte Oberarzt und Oberschwester, dass ihr Chef die akustische Übertragung ausgeschaltet hatte. Unschlüssig sahen sie zu Prof. Dr. Manglik, dessen Hand noch nachdenklich auf dem eben betätigten Schalter ruhte. Die drei befanden sich im rechteckigen Überwachungsraum der Intensivstation, an dessen Längsseiten je fünf Zimmer mit maximal zwei Patienten angeordnet waren. Zahlreiche Kontrollmonitore tauchten den Raum in schummriges Licht. Speziell getönte Scheiben gewährten Einsicht in die Zimmer, andersherum jedoch nicht.
»Wir sollten mit der Aufklärung nicht länger warten«, wandte sich der Professor an seine Kollegen.
Oberarzt Dr. Krubikov nickte. »Vielleicht dämmt das die Schuldgefühle und Selbstvorwürfe der Eltern ein, bevor sie sich selbst zerfleischen.«
Skeptisch schaute ihn sein Chef an. »Bei der Diagnose rechne ich damit eher nicht.«
»… vor allem, wenn ihnen die Konsequenz bewusst wird.«, ergänzte Oberschwester Semirova. Sorgenvolle Augenpaare richteten sich auf die kleine Julianka.
Prof. Dr. Manglik unterbrach die quälende Stille und schüttelte fassungslos den Kopf. »Sie ist viel zu jung für einen derartigen Tumor im Kopf. Dabei ist nicht nur sein unbemerktes Wachstum rätselhaft, sondern seine ominöse Selbstaktivierung.«
»… die solche Zerstörungskraft entwickelte«, führte Dr. Krubikov zuende und murmelte dann mehr zu sich selbst. »Aus dem fünften Stock. Was für eine Tragödie.«
»Aber auch ohne dieses Ereignis war der Zeitpunkt für ihre Rettung lange vorüber, wenn es ihn überhaupt je gab«, schloss Prof. Dr. Manglik ihr Gespräch.

Julianka sah sich im Zimmer um und suchte ein Keil für die Tür, ohne diese loslassen zu müssen. Mit den Fingerspitzen erreichte sie den dicken Fantasy Roman neben dem Kopfkissen, sowie ihren wiedergefundenen Teddy. Sie klemmte das Buch vor die Tür und probierte kurz, ob es seinen Zweck erfüllte. Ihren Teddy fest an sich gedrückt, betrat sie dann den warmen, ganz feinen Sand. Mit ausgebreiteten Armen inhalierte sie die salzige Meeresluft, was ein Feuerwerk unbeschreiblicher Glücksgefühle entfachte. Leuchtende Augen und ein befreites Lächeln krönten ihren friedlichen Gesichtsausdruck, als sie wegen eines Geräusches über die Schulter zurückblickte. Das Buch hatte nicht gehalten.

Drei Personen rannten hektisch aus dem Überwachungsraum.